cikago bude archiv
Sch’tis

Seit Stunden lenke ich das Wohnmobil bei Dauerregen die nächtliche A2 gen Westen. Das passt zur Wettervorhersage für das Wochenende, das passt zu Belgien. Unser Ziel ist die Kleinstadt Oudenaarde, südwestlich von Gent. Gent liegt westlich von Antwerpen. Antwerpen liegt westlich von Deutschland. Oudenaarde ist seit 2012 Zielort der Flandernrundfahrt und hat im Zentrum ein Centrum Ronde van Vlanderen errichtet, welches gleichzeitig als Treff- und Angelpunkt der diesjähirgen „Retro Ronde“ dienen sollte.
Wir wollten mal nach Belgien, in dieses Land, von dem man weiß, dass die Menschen fahrradverrückt sind, man aber ansonsten nur (schlechte) Vorurteile im Kopf hat. Ach und Pommes. Ja, Pommes! Und Regenwetter.

Nach 10 Stunden Fahrt kamen wir Morgens in Oudenaarde an. Von Autobahn und Nationalstraße aus sieht die Landschaft scheußlich aus. Langweilig, flach, verbaut, trist. Und Nieselregen. Toll zum Radfahren ist was anderes. Nach einem kleinen Rundgang durch die Stadt überlegten wir, wo wir hinfahren könnten. Vielleicht an die Nordsee, in die Ardennen? Oder zurück nach Deutschland, vielleicht in Dortmund das Championsleaguefinale gucken? Nur weg hier. Erstmal Essen essen (nicht die Stadt). Zum Mittag gab’s Spargel mit Sauce Hollandaise – die auch in Belgien so heisst.

Wir überbrückten den Tag mit ein paar Bierchen vom Fass in der tollen Brasserie des Flandernzentrums. Am Abend gab es das „beer race“. Frö und ich (rob) nahmen Teil, wir schieden aber nach je zwei Läufen in der ersten Runde aus. Wir gönnten uns noch ein Kaltgetränk im Glas, ehe man, den Festivitäten des Wochenendes zum Trotz, die Bar pünktlich um 23 Uhr schloss. Also ab ins Wohnmobil, da stand auch noch ein Kasten mitgebrachtes Kindl.

Samstag: Irre, Sonnenschein in Belgien! Am Abend zuvor hatte uns Bregan, der auch in Berlin wohnt, vorgeschwärmt, wie toll die Landschaft zum Radfahren sei und dass das hier seine Lieblingsgegend zum Radfahren sei und wie schön das alles hier sei. Das hat uns sehr verwirrt und so wollten wir uns die Sache auch mal ansehen. Wir kauften uns eine Karte, zudem gibt es permanent ausgeschilderte Rennradstrecken, auf deren Route auch immer wieder ein paar der von den Klassiker-Rennradrennen her sehr bekannten Anstiege (Hellingen) und Kopfsteinpflasterpassagen (Kasseien) liegen: Koppenberg, Paterberg, Kwaremont. Wir waren wirklich überrascht! Die Landschaft ähnenlt etwas der Uckermark. Viel auf und ab, Wiesen und Wälder, Häuserchen und Dörfen hier und da, ingesamt sehr reizvoll und lieblich. Die Gegend um Oudenaarde nennt sich nicht umsonst „Flämische Ardennen“. Und toll zum Rennradfahren, viele kleine Straßen, asphaltierte Wirtschaftswege, tolle Strecken. Traumhaft!
Den Rest des Tages verbrachten wir auf dem Fahrradteile-Flohmarkt. Am Abend gab es dann das deutsch-bayrische Championsleague-Finalspiel (Fussball). Dem Nachtleben in Oudenaarde schenkten wir aber weiter keine große Aufmerksamkeit.

Am Sonntag war das „Rennen“, die Retro Ronde. Eine ausgeschilderte Ausfahrt auf klassischen Rennrädern und in klassischem Outfit, mit offiziellem Start und Verpflegungstationen. Der morgendliche Nieselregen hörte glücklicherweise noch vor dem Start auf und gegen Mittag kam die Sonne raus und verwöhnte uns noch den ganzen Tag. Was für ein Wahnsinn! Belgisches Wetter derweil in Berlin und in Belgien märkischer Frühling vom Feinsten.

Die Veranstaltung war großartig organisiert, mit vielen freiwilligen und begeisterten Helfern, einer tollen Strecke, Livemusik an jedem Verpflegungspunkt, gutes und reichhaltiges Essen und eine Bühnenshow nach dem Rennen, die herzlich war und voll wunderbarer Performances.
So schön das alles ist, so pünktlich und schnell sind die Belgier beim Schlussmachen und Abbauen. Am frühen Abend hatte der Spuk ein Ende als wäre nichts gewesen. Die Bühne verwaist, alle Gitter abgebaut, alle Einheimischen ab nach Hause. Wir hatten also nurnoch eine Aufgabe: wir mussten noch Pommes essen! Schließlich waren wir in Belgien. Ab zur Pommesbude und jeder erstmal eine große Portion bestellt. Großer Fehler! Aber den muss wohl jeder selber machen. Und wie alle Abende endete auch dieser in der Gemütlichkeit des Wohnmobils.

Anders als wir es uns am Tag der Ankunft ausgemalt hatten, kommen wir am Ende zu der Erkenntnis: schön war es bei den Sch’tis, wir kommen gerne wieder.