cikago bude archiv
L’Eroica 2011

Um euch nicht zuviel Schließtage der bude zuzumuten, haben wir unseren jährlichen Toskanaausflug von anderthalb Wochen im letzten auf ein (sehr) langes Wochenende in diesem Jahr verkürzt. Außerdem war die cikago bude dieses Jahr auf geschäftlicher Mission in Gaiole en Chianti. Nicht nur, dass wir ein paar schöne warme Tage haben wollten, nicht nur, dass wir die L’Eroica mitfahren und auf dem Markt rumstöbern wollten. Nein, dieses Jahr hat die cikago bude einen eigenen Flohmarktstand geschmissen.


[Siehe Vordergrund]

Die anfängliche Idee, einfach nur einen kleinen Klapptisch hinzustellen, ausschließlich ein paar Schnellen für die Montage von Flaschenhaltern an alten Rahmen zu verkaufen und ansonsten nur Wein zu trinken, haben wir dann doch verworfen und ein breites Sammelsurium an alten Teilen, Rahmen und sogar zwei kompletten Fahrrädern mitgenommen. Dennoch war es uns nicht so wichtig, jetzt den großen Reibach zu machen, wir wollten einfach mal die Flohmarktatmosphäre von der anderen Standseite aus erleben und ein paar Leute mit unserer Anwesenheit überraschen.


[Der ESK zu Besuch am Stand]

Die Vorfreude und die Vorbereitungen auf und für den Flohmarkt drängten die Gedanken an das Rennen etwas in den Hintergrund. Wir kamen nach ein langen nächtlichen Fahrt mit dem WoMo, nach einem sonnigen Tag am Lago di Lugano am Donnerstag erst Freitagmittag in Gaiole an.
Wir, das waren Marta, Frö, Bob und Rob.


Wir gingen sogleich auf die Suche nach Offiziellen, fanden einen Verantwortlichen und dieser wies uns unsere Standfläche zu. Ob es einfach nur Zufall war oder ob derjenige wusste was er tut, wissen wir nicht, aber und Standort war großes Glück. Weniger was den Verkauf, sondern mehr was die Nachbarn anging.


Mit Mauricio, rechts im Bild, kamen wir sehr schnell in Kontakt. Zwar sprachen wir kein Italienisch und er auch keine Fremdsprache, aber es gibt ja noch andere Wege der Kommunikation. Mauricio war angenehm entspannert. Er baute in aller Ruhe seinen Stand auf, welcher voller und voller wurde mit tollen alten Teilen. Als ich Mauricio mein Somec zeigte, erfuhren wir, dass er früher, vor Jahrzehnten, bei Somec Mechaniker war. Er verriet mir auch den Namen des Mitarbeiters, der meinen 1977er Rahmen lötete und das der an Krebs starb. Den Namen konnte ich mir nicht merken. Mauricio war so albern wie ausgeglichen. Das wir den Rest des Tages Rosé trinken wollten, anstatt den Stand aufzubauen, empfand er wohl als angenehm amateurhaft. Wir lagen mit ihm auf la stressa onda.


Den Wein, den Mauricio dankend ablehnte, trank Gino seinerseits gerne aus. Gino hatte rechts von uns seinen Stand. In dem kleinen, grauen VW T1 Bus transportierte er zehn komplette Räder, ein halbes Dutzend Rahmen und ganz viele Kisten mit Teilen, Planen usw usf. Und er fand Gefallen an unserem Rosé. Schon am Abend des Freitags wussten wir, dass der Samstag ganz großes Kino werden würde.

In aller Frühe sind wir mit Sack und Pack zum Flohmarkt aufgebrochen. Marta hat die Räder vorgebracht, ich habe die drei Rahmen und Zeug getragen und Bob hat unseren Wagen gezogen. Mit all den Teilen, Wasser zum Kochen, dem Schirm, der schweren Stahlplatte des Montageständers und dem Koffer sah es aus, als würde er aufbrechen, um seine Familie in Odessa zu besuchen.

Der Tag war lang, sehr sehr lang. Aber auch sehr ereignisreich und lustig. Über die gleißend heißen Mittagsstunden rette uns nur der Sonnenschirm und der kühle Rosé. Mauricio von links und Gino von rechts standen immer bei uns in der Mitte. Besuch von Freunden und Bekannten hatten wir reichlich. Hin und wieder wurde an einem Rad geschraubt und ab und zu auch mal eine Schelle, Lenkerband oder eine unsere neuen Mützchen verkauft.


[Unser gefälschter Colnago-Crosser]


[Das Maglia Rossa hoch über unserem Stand von Mauricios Platz aus gesehen]

Am Abend gingen wir von Rosé zu Rotwein über. Mit der beginnenden Dunkelheit brachen wir unsere Zelte ab. Wir kehrten zum WoMo zurück, es wurde noch schön gekocht und in größerer Runde zusammengesessen. Langsam kam auch etwas Aufregung wegen des bevorstehenden Rennens auf. Aber wir waren gut vorbereitet, das Material in top Zustand. Machte ich mir in den vergangenen Jahren immer wegen der morgendlichen Kälte große Sorgen, so war es dieses Jahr die Hitze am Tag. Über 30°C im Schatten, ohne Schatten, die Sonne fast noch senkrecht. Es war schon tagsüber beim Rumstehen unerträglich heiß, wie soll das nur beim Radfahren werden, an den steilen Anstiegen?

Ich will mich über die L’Eroica garnicht auslassen. Fotos gibt es eh kaum. Es war unerträglich heiß den ganzen Tag über. Der wärmste Oktoberbeginn in der Toskana. Pure Hitze. Bob wollte nur die ganz kurze Strecke fahren und dann wieder Flohmarkt machen, verfuhr sich aber und landete auf der Mitteldistanz mit 135km. Ich glaube es hat ihm gut gefallen. Frö erwischte einen guten Tag. Er fuhr mit mir die lange Strecke (205km), aber kam besser damit zurecht. Zum Schluss nahm er mir ein Viertelstunde ab und im Ziel machte er zwar einen erschöpften, aber doch zufriendenen Eindruck. Ich hingegen hatte Hass, blanken Hass, auf alles. Es war eine Katastrophe, so schlecht erging es mir noch nie. Die L’Eroica kann eine Grenzerfahrung sein; für jeden, egal wie lange man braucht. Aber dieses Jahr kam bei mir keine Freude auf, auch nicht im Ziel. Ich war sauer und tot, musste mich erstmal ungeduscht eine Weile hinlegen. Später duschte ich seeehr lange. Der Kopf leer, wie ein ausgeblasenes Ei. Dann Schlafen. Nie wieder. Nagut, nächstes Jahr vielleicht, dann aber hoffentlich bei Regen.


[Ein älterer Mann auf Diamant irgendwo in der Einöde der verbrannten Toskana]


[Hiroshi, Dustin und Karen – mit ihnen fuhr Bob die Mittelstrecke zusammen]

Am nächsten Tag war alles vergessen. Wir freuten uns über herrliches Sommerwetter und gammelten ab, kochten, räumten alles zusammen, ein und aus und ein. Am Nachmittag verabschiedeten wir uns von der Toskana. Schön ist es in Gaiole, immer wieder.
Den Rückweg wollten wir uns wieder in zwei Etappen einteilen. Am Abend dieses Montags hatten wir die Höhe der Seiser Alm im Visir. Der Plan war es, dort auf der größten Hochalm Europas zu campieren und am Dienstag eine schöne Alpenwanderung zu unternehmen. Bloß nix mit Radfahren.
Den ganzen Dienstag waren wir auf der Seiser Alm und dem Schlern unterwegs. Die aufgesaugte Höhensonne reicht für Wochen. Es war herrlich. Südtirol ist traumhaft. Man ist in den Alpen, man ist in Italien, die Leute sprechen deutsch. Es gibt eigentlich keinen Grund weiter nach Süden zu fahren. Die klassische Rundwanderung führte uns von Compatsch hinauf zum Schlernhaus, hinüber zur Tierser Alpl Hütte und wieder hinab zum Ausgangspunkt. Unterwegs gab es Sonne und Weizenbier satt.

Zurück am WoMo gab es erstmal Kaffee. Als es längst wieder dunkel war, steuerte Frö das Haus auf Rädern geschickt die Serpentinen hinab von der Alm und rauf auf die Brennerautobahn. Ich übernahm dann die Fahrschicht nach München. Nach einem kleinen nächtlichen Stadtbummel (gott wie langweilig) übernahm Marta nachts um zwei das Steuer und chauffierte uns dankbarerweise zurück nach Berlin – nach Hause in die bude.
Ein paar tolle, abwechslungsreiche Tage. Resümé: Schade, dass man die L’Eroica nicht nach Südtirol verlegen kann.

Hier gibt es noch mehr Fotos. Die vorherigen Bilder sind allesamt analoge von Bobs alter Canon. Jetzt gibts noch meine digitalen, für groß bitte draufklicken (Lightbox).